Der nächste SORAVIA-Streich

SC Finance Four nimmt Insolvenzantrag zurück
Von hoch oben schaut Erwin Soravia auf die ProReal-AnlegerInnen herab.
Von hoch oben schaut Erwin Soravia auf die ProReal-AnlegerInnen herab.

Am 18. März 2025 sollte eine entscheidende Gläubigerversammlung der SC Finance Four GmbH (SCF4) stattfinden (Insolvenz-Skandal: AnlegerInnen ausgeschlossen). Überraschend wurde diese nun vom Amtsgericht Offenbach am Main abgesagt. Die offizielle Bekanntmachung des Insolvenzgerichts nennt keine Hintergründe, doch inzwischen sind Details bekannt geworden, die ein neues Kapitel im SORAVIA-Anlegerskandal aufschlagen. Mit der Rücknahme des Insolvenzantrags soll das Verfahren beendet werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die 11.000 AnlegerInnen von ProReal Europa 9 (PRE9) und ProReal Europa 10 (PRE10) ihre 280 Millionen Euro zurückerhalten. Vielmehr scheint eine Vereinbarung getroffen worden zu sein, die für sie noch nachteiliger als die ursprünglichen Vorschläge zur Gläubigerversammlung sein könnten.

Gläubigerversammlung ohne AnlegerInnen
In der geplanten Gläubigerversammlung des Insolvenzgerichts Offenbach (Aktenzeichen 8 IN 170/24) sollten mehrere Beschlüsse gefasst werden. Obwohl diese direkt die Rückzahlungsquote der AnlegerInnen beeinflusst hätten, waren sie von dem Verfahren ausgeschlossen. Vorgesehen war unter anderem ein Vergleich von Anfechtungsansprüchen der SCF4 gegen SC Finance Three (SCF3) und SC Finance One (SCF1) in Höhe von 11,29 Millionen Euro für immerhin elf Millionen Euro. Weitere elf Millionen Euro sollten aus dem Verkauf von Forderungen gegen 20 Projektgesellschaften der SORAVIA-Gruppe stammen, deren Gesamtvolumen im Insolvenzantrag mit 200,5 Millionen Euro beziffert wurde – was einer Quote von 5,5 Prozent entsprochen hätte. Darüber hinaus bestanden noch Forderungen an sechs weitere SORAVIA-Unternehmen in Höhe von 86,1 Millionen Euro (Stand: Insolvenzantrag März 2024), über die keine Entscheidung vorgesehen war.

Aufhebungsantrag für das Insolvenzverfahren
Hannes Fischer von UPtastic, Geschäftspartner von Timm Hartwich, dem Liquidator der SCF4, veröffentlichte auf einem Presseportal die Meldung, dass ein Antrag auf Aufhebung des Insolvenzverfahrens gestellt worden sei: „Die Eigenverwaltung der SC Finance Four GmbH (SCF4) hat heute beim Amtsgericht Offenbach gemäß § 212 der Insolvenzordnung (InsO) einen Antrag auf Aufhebung des Insolvenzverfahrens gestellt. Die Voraussetzungen für die Insolvenz bestehen nicht mehr, da die ursprünglichen Insolvenzantragsgründe vollumfänglich beseitigt wurden.“ Fischer versucht dies als Erfolg zu verkaufen, obwohl damit eine Schlechterstellung gegenüber dem ursprünglichen Gläubigerversammlungs-Antrag erreicht wird. Seiner Darstellung nach würde die „solvente Liquidation“ anstelle eines Insolvenzplans oder Forderungsverkaufs dazu führen, dass insgesamt 17 Millionen Euro für die Forderungen von PRE9 und PRE10 erlöst werden, statt der zuvor erwarteten elf Millionen Euro. Darüber hinaus wurde ein Besserungsmechanismus vereinbart, der bis Ende 2026 weitere fünf Millionen Euro zusichern soll, falls höhere Rückzahlungen aus bestimmten Projekten realisiert werden.

Klare Schlechterstellung
Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt eine andere Realität. Der Vergleich umfasst nun offenbar sämtliche Forderungen in Höhe von 286,6 Millionen Euro, während im Insolvenzverfahren elf Millionen Euro für 200,5 Millionen Euro vorgesehen waren (jeweils Stand Insolvenzantrag). Zudem dürften die Anfechtungsansprüche gegen SCF1 und SCF3 in Höhe von elf Millionen Euro nun wegfallen – sehr zur Freude der SORAVIA Investment Holding.

Sechs Forderungen über 86,1 Millionen Euro
Der Sachwalter Dr. Andreas Kleinschmidt von White & Case scheint sich anlegerfreundlicher gezeigt zu haben als bislang angenommen. Denn bei sechs Forderungen ließ er sich nicht mit einer Quote von 5,5 Prozent abspeisen:

  • Planquadrat T2 GmbH (21,1 Millionen Euro)
  • SEMA Vermögensverwaltung GmbH (6,2 Millionen Euro)
  • RA 1 Holding GmbH (20 Millionen Euro)
  • Werndlgasse Development GmbH & Co KG (1,8 Millionen Euro)
  • SoReal GmbH (28,2 Millionen Euro)
  • Freude am Wohnen Wohnbau GmbH (8,8 Millionen Euro)

Wer sich mit diesen Unternehmen beschäftigt wird schnell feststellen, dass es sich beispielsweise bei der größten Schuldnerin SoReal um eine Art Zwischenholding im Konzern handelt, die das Anlegerkapital nur weiterreichte. Der letzte veröffentlichte Jahresabschluss 2022 zeigte einen Bilanzgewinn von 19,9 Millionen Euro und ein Eigenkapital von 22,4 Millionen Euro. Ähnliches gilt für die SEMA Vermögensverwaltung, laut Organigramm im Verkaufsprospekt zum PRE10 eine Tochtergesellschaft der SoReal, die ebenfalls eine Reihe weiterer Tochterunternehmen hält. Deren letzte veröffentlichte Bilanz 2022 zeigt ebenfalls ein positives Eigenkapital von 4,4 Millionen Euro und lässt nicht auf eine drohende Zahlungsunfähigkeit schließen, die die Rückzahlung der nachrangigen Projektfinanzierung verhindern würde.

Stiftung Warentest hat nachgerechnet
Wie fragwürdig die bisherigen Absichten schon waren, hat die Stiftung Warentest in einem sehr lesenswerten Beitrag aufgezeigt (Für Anleger stehen hohe Verluste auf der Tagesordnung). Die Experten hinterfragen, warum die versprochenen Eigenkapitalpuffer zur Absicherung der AnlegerInnen nicht wirkten. Zudem haben sie berechnet, dass den geplanten Forderungsveräußerungen von 200,5 Millionen Euro für elf Millionen Euro ein bilanzielles Vermögen von 116 Millionen Euro gegenüberstand. Konkret wurden dazu acht Bilanzen mit Stand 31. Dezember 2022 (Forderungswert 64 Millionen Euro) und zwölf Bilanzen mit Stand 31. Dezember 2023 (Forderungswert 52 Millionen Euro) ausgewertet. Darüber hinaus werfen sie die Frage auf, warum angeblich werthaltige Darlehen anderer ProReal-Produkte an zum Teil die gleichen Gesellschaften im Falle der SCF4 weitgehend wertlos sein sollen. Es wurden sogar Projekte gefunden, bei denen frisch Geld von AnlegerInnen gesammelt wurde oder noch wird, obwohl die mittelbaren PRE9/PRE10-Forderungen für diese Projekte billig verramscht werden sollen. Bei all den Fragen hat SORAVIA erklärt, immer im Rahmen der rechtlichen Gegebenheiten gehandelt zu haben.

Rechtliche Einschätzung
Rechtsanwalt Marc Gericke kennt den Skandalfall rund um die One Group/SORAVIA sehr gut. Investmentcheck wollte von ihm wissen, wie er die Aufhebung des Insolvenzverfahrens sieht: „Wenn das Insolvenzverfahren aufgehoben wird, findet eine Aufarbeitung der Vorgänge durch den Sachwalter nicht mehr statt. Des Weiteren werden Anfechtungsansprüche gegen andere Gesellschaften im Wert von rund zehn Millionen Euro vermutlich nicht mehr verfolgt. Beides dürfte nicht im Sinne der Anleger sein.“ Er vermutet, dass eine Aufhebung des Verfahrens nur möglich ist, wenn die Forderungen der PRE9 und PRE10 gestundet oder verzichtet wurden beziehungsweise wenn sich anderweitig die rechtlichen Rahmenbedingungen veränderten.

Loipfinger’s Meinung
SORAVIA will offenbar das ohnehin nicht für Anlagemodelle gemachte deutsche Insolvenzrecht aushebeln und verkauft die „solvente Liquidation“ als Vorteil für AnlegerInnen. Wie kann es sein, dass den AnlegerInnen entscheidende Informationen vorenthalten werden dürfen und über deren Köpfe hinweg wichtige Entscheidungen fallen? Deutsche Behörden wie eine Finanzaufsicht BaFin schauen dabei zu. Wenn tatsächlich eine „solvente Liquidation“ als Blaupause für unzählige ähnliche Fälle dienen könnte, dann ist jeder ehrliche Anbieter schon fast „dumm“, wenn er Darlehen zurückzahlt. Ich habe selbst nachgerechnet, wie viel Geld bei den 26 Projektgesellschaften laut den letzten veröffentlichten Jahresabschlüssen vorhanden sein müsste: Von den 286,6 Millionen Euro durch die SCF4 ausgereichten Darlehen waren 82,2 Millionen Euro bei den 15 Gesellschaften mit Abschluss 2023 und weitere 156,1 Millionen Euro bei den elf Projektgesellschaften mit Jahresabschluss 2022 vorhanden. In Summe wären das zumindest bilanziell 238,3 Millionen Euro oder 83 Prozent der Gesamtdarlehen. Enthielten diese Bilanzen so viel heiße Luft? Oder ist wirklich bis zur Insolvenzantragsstellung im März 2024 so viel vorher noch vorhandenes bilanzielles Vermögen verschwunden? Wenn dem so wäre, dann könnte SORAVIA ja offen Zahlen auf den Tisch legen und müsste nicht mit juristischen Winkelzügen ein völlig intransparentes Vorgehen an den Tag legen.


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Kommentare

3 Kommentare zu „Der nächste SORAVIA-Streich“

  1. Avatar von wombard
    wombard

    das ist doch heute gang und gäbe. Es gibt eine Industrie, die damit Geld in die eigene Kasse scheffelt und denen es an jeglichem Unrechtsbewusstsein fehlt. Solange hier gegen diese Leute nicht vorgegangen wird, die Staatsanwaltschaften alle Hühneraugen mit dem Verweis, das dies ja rechtlich ok sei, zudrücken, wird sich das aufgrund der massenweise steigenden Insolvenzen nicht verbessern. Man wird leider den Eindruck nicht los, das der Insolvenzverwalter per se sich den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Wir haben hier mit Preos, Soravia Schadenssummen im mittleren dreistelligen Bereich und bei Beiden spielen Insolvenzverwalter eine erschreckende Rolle z.L. der Anleger. Sie sind dafür verantwortlich, das hohe zweistellige Millionenwerte verschoben wurden und sich die Grossaktionäre damit bereichern können.

  2. Avatar von Eiden Heinz
    Eiden Heinz

    Also kommt die Soravia mit ihren Betrügereien durch gewinnt noch Geld und die Anleger gehen wahrscheinlich leer aus
    Wofür gibt es die BaFin? Warum hat Gericht Oldenburg dem Abschluss der Insolvenz zugestimmt? Kann die Sdk für uns nicht helfen? Ihr habt doch genug sehr gute Anwälte

  3. Avatar von Michael Skafi, Dr. Ing.
    Michael Skafi, Dr. Ing.

    es handelt es sich um eine Exzellente Recherche mit transparenten und nachvollziehbaren Ergebnissen. Vielen Dank dafür.

    Unglaublich wie ein Haufen von Unternehmensverantwortlichen Ihr Missmanagement mit allen mitteln auszublenden. Anschließend werden werden Zahlen (durch Geldwäsche?) gezaubert, die zwangsläufig eine schmerhafte Verlust des investierten Anlegerkapitals führen. Es ist an die Zeit, die involvierten sog. „Konzeptmanagern“ zu stoppen.

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