„Episch katastrophal juristisch falsch“

Michael Sieg von ThomasLloyd lädt zum Gespräch nach Zürich ein
Symbolbild: Thomas Ulf Michael Sieg im Gespräch mit Stefan Loipfinger, Zürich, Mai 2026, KI-generiertes Bild
Symbolbild: Thomas Ulf Michael Sieg im Gespräch mit Stefan Loipfinger, Zürich, Mai 2026, KI-generiertes Bild

ThomasLloyd hat Großes vor – noch 2026 soll die ThomasLloyd Climate Solutions Holdings PLC an der US-Börse Nasdaq notiert sein. Angestrebte Börsenbewertung: 850 Millionen bis 1,5 Milliarden US-Dollar. Erreicht werden soll das mit dem bereits Nasdaq-gelisteten SPAC Roman DBDR Acquisition Corp. II. Investmentcheck hat deshalb recherchiert und unter anderem Fragen zu den wichtigsten Assets formuliert. Statt einer einfachen schriftlichen Antwort kam jedoch eine Einladung nach Zürich. Thomas Ulf Michael Sieg stellte sich persönlich den Fragen.

Klagen von Anlegerinnen und Anlegern …
Besonders wichtig war dem TL-Chef, die Zahl der laufenden Rechtsstreitigkeiten ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Anlegerinnen und Anleger zu setzen. „0-Komma-irgendwas Prozent“, formulierte er es selbst. Konkret beziffert wurde die Zahl der laufenden Rechtsstreitigkeiten auf 325 mit einem Streitwert von rund 20 Millionen Euro – gemessen an insgesamt etwa 37.000 Zeichnungen und 1,5 Milliarden Euro bewegtem Kapital in 24 Jahren sei das ein verschwindend geringer Anteil von unter einem Prozent. Zudem seien 85 bis 95 Prozent der Fälle durch lediglich zwei oder drei Anwaltskanzleien getrieben – eine koordinierte Anwaltsstrategie, so der TL-Chef, der gleichzeitig betonte, dass mit Institutionellen Investoren keinerlei Rechtsstreitigkeiten bestünden.

… und eine Reihe von Insolvenzanträgen
„Episch katastrophal juristisch falsch“ bezeichnete das Unternehmen die Vorgänge rund um Insolvenzanträge, die einige Anlegerinnen und Anleger gegen mehrere Emissionsvehikel von ThomasLloyd gestellt hatten. Zwei Anträge von „aktivistischen Investoren“ bei der ThomasLloyd Cleantech Infrastructure Holding GmbH wurden zurückgenommen, nachdem man sich hinsichtlich der Forderungen von rund 1,2 Millionen Euro geeinigt hatte. Das vorläufige Verfahren ist zwischenzeitlich aufgehoben. Die beiden vorläufig eingeleiteten Insolvenzverfahren bei der Cleantech Infrastruktur GmbH und der Vierte Cleantech Infrastrukturgesellschaft mbH beruhen ebenfalls auf Fremdanträgen. Eine überschaubare Zahl von Anlegerinnen und Anlegern mit Forderungen von mehreren hunderttausend Euro versucht ihre Ansprüche zum Nachteil aller anderen Investoren, die unter identischen Konditionen investiert haben, durchzusetzen. Ähnliches gelte für ThomasLloyd Cleantech Infrastructure (Czech) a.s., bei der laut dem TL-Chef in Prag wegen eines einzigen Anlegers ein vorläufiges Insolvenzverfahren eingeleitet wurde. ThomasLloyd spricht von „Partikularinteressen“ und einem „Spannungsverhältnis zum Gleichbehandlungsgrundsatz gegenüber der Gesamtheit der Investorinnen und Investoren“. Das Unternehmen sei zuversichtlich, die Verfahren, die sich „nicht gegen ThomasLloyd, sondern die jeweiligen Emissionsvehikel richten“, im „Interesse der Gleichbehandlung aller Anleger der jeweiligen Emissionsvehikel“ erfolgreich abwehren zu können.

Bewertungsfragen auf den Philippinen
Zentral für die Einschätzung der Zukunft sind die drei Biomasseanlagen auf den Philippinen. Hier stehen Verluste im Raum, welche die Wirtschaftsprüfer zu „erheblichen Zweifeln an der Fähigkeit der Gesellschaft zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit“ veranlassten. So steht es übersetzt in den Testaten der Jahresabschlüsse 2024 für South Negros, North Negros und San Carlos. Allein 2024 entstanden in Summe buchhalterische Verluste von 3,1 Milliarden philippinischen Pesos – umgerechnet knapp 50 Millionen Euro. Da auch die Vorjahre negativ waren, summieren sich die bilanziellen Verluste inklusive Verlustvorträgen auf stolze 20 Milliarden philippinische Pesos (rund 330 Millionen Euro). Von einer noch härteren Aussage abgehalten hat die Wirtschaftsprüfer eine Zusage finanzieller und operativer Unterstützung durch die Muttergesellschaft. Damit konfrontiert verweist das Unternehmen darauf, dass die „kumulierten bereinigten operativen Verluste nur einen kleinen Teil der genannten Beträge ausmachten, da diese überwiegend durch nicht liquiditätswirksame, buchhalterische und gesetzlich vorgeschriebene Abschreibungen, Fremdwährungseffekte sowie weitere für Infrastrukturinvestitionen typische Faktoren geprägt sind.“ Entscheidend seien in diesem Zusammenhang die kumulierten Adjusted-EBITDA-Ergebnisse der drei Gesellschaften. Bei den Biomassekraftwerken handle es sich um langfristig angelegte Energieinfrastrukturprojekte mit einer Nutzungsdauer von deutlich über 30 Jahren: „Aus Investorensicht ist daher nicht der einzelne Jahresabschluss ausschlaggebend, sondern die mittel- und langfristige wirtschaftliche Perspektive, die für die Bewertung solcher Projekte massgeblich ist.“

Eingeschränktes Testat bei einem Luxemburger Fonds
ThomasLloyd CTI Asia Holdings Pte. Ltd. mit Sitz in Singapur ist die Muttergesellschaft der philippinischen Biomasseanlagen und gleichzeitig das größte Asset des geschlossenen Fonds ThomasLloyd Cleantech Infrastructure Fund SICAV S.A. (in Liquidation). Im März 2026 wurde im deutschen Bundesanzeiger ein Jahresabschluss für 2023 veröffentlicht, in dem die Kritik der Wirtschaftsprüfer deutlich ausfällt: „Wie in Anmerkung 4a offengelegt, hat die Gesellschaft die von der ThomasLloyd CTI Asia Holdings Pte Ltd (‚CTI Asia‘) ausgegebenen Vorzugsaktien, die Anschaffungskosten in Höhe von 13,8 Millionen Euro aufwiesen, mit einem Wert von null angesetzt. Die geprüften Jahresabschlüsse der CTI Asia für die Geschäftsjahre 2021, 2022 und 2023, welche für die Bestätigung des Nettoveräußerungswerts (NRV) dieser Aktien unerlässlich sind, wurden nicht vorgelegt. Darüber hinaus hat die Verwahrstelle bestätigt, dass sie die Überprüfung des Eigentums an den den Vorzugsaktien zugrunde liegenden Anlagen der CTI Asia nicht abschließen konnte. Das Fehlen verlässlicher Finanzinformationen und der Eigentumsverifizierung führt zu einer wesentlichen Unsicherheit hinsichtlich der Angemessenheit dieser Bilanzwerte.“ Für ThomasLloyd handelt es sich um eine temporäre Abwertung, die auf die spezifische Kapital- und Finanzierungsstruktur der Vorzugsaktien sowie die anzuwendenden Bilanzierungsstandards des Fonds zurückzuführen sei. Das Unternehmen geht vor diesem Hintergrund davon aus, dass „der Fonds bis zum Zeitpunkt der Veräußerung der Vorzugsaktien eine vollständige Wertaufholung sowie zusätzlich die vertraglich vorgesehene Vorzugsrendite erwartet. Der aktuelle Zeitwert lässt daher keine Rückschlüsse auf den künftig erzielbaren Veräußerungsgewinn zu.“

Versagtes Testat bei der ThomasLloyd Cleantech Infrastructure Holding GmbH
Die Bedeutung einer zeitnahen Veröffentlichung von Jahresabschlüssen hat der TL-Chef im Gespräch in Zürich relativiert. Er wolle lieber abgeschlossene Refinanzierungsverträge vorweisen, um „missverständliche“ Versagungsvermerke zu vermeiden. Was er dabei nicht erwähnte – und Investmentcheck zu dem Zeitpunkt ebenfalls noch nicht bekannt war: Bei der ThomasLloyd Cleantech Infrastructure Holding GmbH (CTIH) hat der Wirtschaftsprüfer bereits das Testat für 2022 versagt. Schon im März 2025 stellten die Prüfer eine angespannte Liquiditätssituation fest und erhielten keine geeigneten Nachweise, um die Werthaltigkeit der erheblichen Forderungen im TL-Verbund prüfen zu können. Ähnliches galt für geplante Umstrukturierungsmaßnahmen zur Verbesserung der Liquiditätssituation. Obwohl auch Sieg den Jahresabschluss im März 2025 unterzeichnete, ist er bis heute nicht offiziell im Bundesanzeiger veröffentlicht. Im Nachgang ließ er mitteilen, dass die CTIH weder Teil des ThomasLloyd-Konzerns noch Anbieterin von Publikumsanlagen sei. „Unabhängig davon haben wir die geprüften und festgestellten Jahresabschlüsse seit unserer Gründung freiwillig und über die gesetzlichen Anforderungen hinaus regelmässig veröffentlicht und uns dabei am Veröffentlichungsstandard großer Kapitalgesellschaften orientiert“, betont das Unternehmen.

Der London-Trust: ein politisch verursachtes Scheitern
Beim Thema ThomasLloyd Energy Impact Trust PLC – später umbenannt in Asian Energy Impact Trust PLC – kam der TL-Chef anfänglich ins Schwärmen. ThomasLloyd habe im Kontext der COP26-Klimakonferenz 2021 ein Mandat der britischen Regierung im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung gewonnen – gegen namhafte Wettbewerber – und einen börsennotierten Renewable Energy Trust an der Londoner Börse aufgesetzt. Wichtig war ihm zu betonen, dass namhafte Investoren 181 Millionen US-Dollar investiert haben und der börsengelistete Fonds dabei mit einer „Trade Premium auf den Net-Asset-Value“ von bis zu 40 Prozent gehandelt worden ist. Dann kam 2022 der Ukraine-Krieg. Die britische Regierung wechselte, Budgets wurden Richtung Ukraine umgeschichtet, und das Board des Trusts begann, Pläne zu blockieren. Am Ende stand eine freiwillige Liquidation.

US-Börsengang: Rettungsanker oder neue Wette?
Was in London und Amsterdam nicht gelang, soll nun in New York gelingen. Zunächst wollte Sieg die deutsche ThomasLloyd Cleantech Infrastructure Holding (CTIH) mit der niederländischen ThomasLloyd Climate Solutions B.V. (TCS) verschmelzen. Dieses „Umstrukturierungs- und Optimierungsprojekt“ wurde jedoch aufgrund einer Strategieänderung nicht weiter verfolgt. Stattdessen wurden von der CTIH Assets getauscht: Anteile an der CTI Asia (98,4 Millionen Euro), Ausleihungen an die CTI Asia (226,7 Millionen Euro), Anteile an einem SICAV (40,2 Millionen Euro) und Darlehensforderungen an nahestehende Unternehmen (109,8 Millionen Euro) gegen 158,4 Millionen TCS-Aktien. Im zweiten Halbjahr 2026 soll die TCS nun mit einem bereits an der Nasdaq notierten SPAC verschmolzen werden. Bis zu 440 Millionen US-Dollar frisches Kapital könnten so den Eigenkapitalanteil der drei Biomassekraftwerke aufwerten und neue Investitionen ermöglichen. Das Unternehmen ist überzeugt, über ein US-Listing einen deutlich höheren Wert erzielen zu können als über einen klassischen M&A-Verkauf: „Weil beim Listing nicht nur die bestehenden Assets bewertet werden, sondern auch Team, Know-how, Projekt-Pipeline und Wachstumsperspektive“, wie der Pressesprecher von ThomasLloyd ergänzt.

Loipfinger’s Meinung
Michael Sieg wirkt nicht nur von seinem leckeren Jasmin-Tee – den wir im Übrigen gemeinsam konsumiert haben – euphorisiert. Das Tempo seiner Ausführungen ohne Atempausen lässt Gespräche schnell zum dominanten Monolog werden. Offensichtlich hat er seine Unternehmensvision verinnerlicht. Zuhören ist keine Stärke von ihm – Antworten auf Fragen münden schnell in Statements, die er noch loswerden möchte. Kritische mediale Berichterstattung empfindet er als ungerecht und in weiten Teilen faktenbefreit. Das mag seine konsequente Verweigerung einer eigentlich in einer Interviewsituation üblichen Tonaufnahme und von Fotos erklären – passt aber nicht zum Bild eines NASDAQ-Unternehmenschefs, der er werden will. Kritische Journalisten sollten eher eine sportliche Herausforderung sein. Einen Journalisten erstmals nach Zürich einzuladen ist aber sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung.
All das sind Soft Facts – doch die im Gespräch betonte Trennung zwischen dem ThomasLloyd-Konzern und den angeblich konzernfremden Anlagevehikeln erzeugt Bauchschmerzen. Denn der ThomasLloyd-Konzern wurde mit dem Kapital der Anlegerinnen und Anleger aufgebaut – das ist mehr als eine moralische Verpflichtung. Nicht veröffentlichte Jahresabschlüsse und eingeschränkte oder verweigerte Wirtschaftsprüfertestate lassen sich deshalb nicht so einfach vom Tisch wischen. Wirtschaftsprüfer mögen lästig sein – sie sind aber unverzichtbar für den Aufbau von Vertrauen. Insolvente Anlagevehikel tragen ThomasLloyd im Namen. Das ist keine Nebensächlichkeit. Und die SEC gegen die BaFin zu tauschen klingt ebenfalls nicht nach einem unwesentlichen Detail. Um an der Börse zu bestehen, braucht Sieg das Vertrauen der Anlegerinnen und Anleger. Im nächsten halben Jahr wird sich zeigen, ob der Raketenstart gelingt – oder in einem kurzen Spektakel verglüht.


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